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Stephan Hoppe, Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln

Dies ist eine (formal höchst unvollkommene) Html-Version des Original-Aufsatzes:

Hoppe, Stephan: Die Architektur des Heidelberger Schlosses in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Neue Datierungen und Interpretationen. In: Rödel, Volker (Red.): Mittelalter. Schloss Heidelberg und die Pfalzgrafschaft bei Rhein bis zur Reformationszeit. Begleitpublikation zur Dauerausstellung. Regensburg 2002, S. 183 - 190.

Diese gedruckte Publikation ist zu zitieren, da leider keine Garantie für die völlige Übereinstimmung der beiden Versionen übernommen werden kann.

 


Die Architektur des Heidelberger Schlosses in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Neue Datierungen und Interpretationen.

 

Abb. 1 Grundriß des Heidelberger Schlosses nach Koch/Seitz mit Ergänzungen Hoppe

Das Heidelberger Schloß gilt mit seinen ab der Mitte des 16. Jahrhunderts errichteten Palästen des Ottheinrichsbaus, des Friedrichsbaus und des Englischen Baus auch international als eins der bedeutendsten Renaissanceschlösser Deutschlands (Abb. 1). [1]

Demgegenüber hat die vorangegangene, etwa um 1510 beginnende Ausbauphase mit dem Frauenzimmerbau, dem sogenannten Bibliotheksbau, den Wirtschaftsbauten und der Artilleriebefestigung auf der Süd- und Westseite nur selten überregionale kunsthistorische Aufmerksamkeit gefunden. [2] In der Mehrzahl sich gotischer Detailformen bedienend, galten diese Bauten bis vor kurzem in der Regel als einer überlebten Kunstauffassung verhaftet und ohne zukunftsweisende Neuerungen errichtet: „Den Baumeistern Ludwigs V. war noch nichts von jener neuen ´antikischen Art´ aufgedämmert, die damals auch bereits in Deutschland sporadisch ihren Einzug gehalten und besonders in der Malerei und den Kleinkünsten Anwendung gefunden hatte. Statt dessen treten in der Dekoration die naturalistischen Spielereien der entarteten Gotik auf ...“. [3] Vermutlich nicht zuletzt als Folge solcher oder ähnlicher Grundüberzeugungen wurden nach den umfangreichen bauarchäologischen und historischen Studien der vorletzten Jahrhundertwende von Julius Koch, Fritz Seitz und anderen über lange Jahrzehnte nur noch vereinzelte Bemühungen um eine aktualisierte architekturgeschichtliche Einordnung und Würdigung unternommen. Erst in jüngster Zeit wird immer deutlicher, daß nicht nur die traditionell gültige zeitliche Einordnung der Bauabläufe dieser Bauperiode einer Revision bedarf, sondern daß die Architektur des Heidelberger Schlosse in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts generell eine neue Interpretation erfordert. Die folgende Darstellung kann dazu lediglich einen Anfang bieten. [4]

Die Kurpfalz wurde von 1508 bis 1544 durch Ludwig V. regiert, dem bis 1556 Friedrich II. im Amt folgte. Damals wurden an den bedeutenden Fürstenhöfen Europas neue Standards der Selbstdarstellung und Repräsentation mittels der Architektur entwickelt. Eine der wesentlichen Neuerungen war die Herausbildung von festen Residenzorten, die durch prächtige Schlösser ausgezeichnet wurden. [5] Vor diesem historischen Hintergrund erschien es bis vor kurzem etwas rätselhaft, warum in Heidelberg scheinbar verhältnismäßig spät, kurz vor der Mitte des 16. Jahrhunderts, in Gestalt des sogenannten Gläsernen Saalbaus mit einer repräsentativen Schloßarchitektur in der neuen, modernen Art der Renaissance begonnen wurde. Bereits nach dem vorläufigen Stand der jüngeren Forschungen zeichnet sich nun im Gegenteil ab, daß ein grundlegender Wandel in der Architekturauffassung bereits recht früh in Heidelberg eingesetzt hat. Ab den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts wurde die ältere Burg in wesentlichen Teilen zu einem Schloß im neuzeitlichen Sinn umgestaltet. Die wichtigsten Neuerungen waren dabei die Etablierung einer neuen visuellen Beziehung zwischen dem Raum der Architektur und dem sie umgebenden Natur- und Kulturraum von Neckartal und Stadt, die Anpassung des Raumprogramms an neue zeremonielle Forderungen sowie das Ziel, sich formal enger als bisher an Maßstäben und Mustern antiker Architektur und Kunst zu orientieren.

 

Der Frauenzimmerbau und die neue Hofstube um 1515

 

Um das Jahr 1500 herum war das Heidelberger Schloß in seinen zivilen Bauteilen noch auf den im 13. Jahrhundert angelegten, fast rechteckigen staufischen Bering beschränkt. Die erste große Baumaßnahme Ludwigs V., die einen neuen Maßstab in der Architektur des Schlosses setzte, war der sogenannte Frauenzimmerbau an der Nordwestecke des Schloßhofes. Seinen Namen hat die Anlage nach den Frauenwohnräumen erhalten, die in den Obergeschossen untergebracht waren. Es handelt sich um einen ehemals dreigeschossigen Baukörper auf rechteckigem Grundriß, dessen Obergeschosse jedoch heute vollständig verschwunden sind. Zumindest das oberste Geschoß war in Fachwerk aufgeführt. Der Baukörper erhob sich zur Zeit seiner Errichtung auf der Nord- und Westseite frei aufragend über dem Neckartal, da damals noch nicht die jüngeren Artillerieanlagen zu seinen Füßen existierten (s.u.). Diese Tatsache ist von entscheidender Bedeutung, denn der Frauenzimmerbau sollte nicht nur mit seiner komplexen Dachlandschaft und mit den Fassaden vorgelegten Standerkern eine prachtvolle Fernwirkung erzielten (vgl. die beiden Ansichten des Schlosses von Sebastian Münster Abb. 2 und 3, einige Abbildungen standen für die Internet-Version leider nicht zur Verfügung), sondern aus seinem Inneren wurde der Ausblick ganz bewußt als Realisation einer neuartigen Herrschaftsgeste über das Neckartal inszeniert.

Das gesamte Erdgeschoß wurde von einem etwa 35 auf 17 Meter messenden saalartigen Raum eingenommen, den eine Balkendecke über einer längsgerichteten Pfeilerreihe abschloß. Es handelte sich hier (nach Analogbeispielen aus der Zeit) um den Typus einer Hofstube. [6] In einem solchen Raum versammelte sich nach dem deutschen Zeremoniell an Fürstenhöfen jener Jahre der gesamte Hofstaat einschließlich des Schloßherrn zu den beiden gemeinsamen Hauptmahlzeiten im Tagesablauf. Nur die weiblichen Angehörigen des Hofes, die zahlenmäßig etwa ein Zehntel der Gesamtpersonen ausmachten, speisten in der Regel abgesondert. In der Hofstube wurde so täglich von neuem in der absichtsvollen Tischordnung die soziale Ordnung des Hofes sichtbar gemacht; ausgehend von der üblicherweise an einer Schmalseite auf einer Estrade erhöhten Tafel des Fürsten und seines engsten Gefolges bis hin zu den Tischen der niederen Bediensteten am anderen Ende. In einer von Peter Harer anläßlich der Hochzeit von Pfalzgraf Friedrich (dem späteren Kurfürsten Friedrich II.) mit Dorothea von Dänemark, deren Festbankette in diesem Raum stattfanden, verfaßten Festbeschreibung sind solche Sitzordnungen der Erwähnung für wert befunden worden; außerdem geben zahlreiche deutsche Hofordnungen des 16. Jahrhundert vergleichbare Gepflogenheiten des Alltags an anderen Orten wieder. [7]   Mit einer Ofenheizung versehen, gehörte dieser Raumtyp deshalb zu den wichtigsten Repräsentationsräumen eines deutschen Schlosses in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderst (vielleicht sogar noch vor dem stets zusätzlich vorhandenen „Tanzsaal“ in einem Obergeschoß). Erst später wurde die Hofstube zu einem Speiseraum, in dem vornehmlich niedere Bedienstete fern von der Lebenssphäre der Herrschaft verpflegt wurden.

 Entsprechend ihrer wichtigen Funktion ist die neue Heidelberger Hofstube auf eine damals neuartige Weise architektonisch ausgezeichnet worden. Der Raum besaß auf allen vier Seiten rechteckige, erkerartige Anbauten, von denen der östliche heute fehlt. Diese Erker ermöglichten und leiteten dem Benutzer einen vielansichtigen Ausblick, sowohl in den Schloßhof als auch in das Neckartal. Auf diese Weise hatte der in der Hofstube speisende Fürst nicht nur die visuelle wie tatsächliche Kontrolle über seinen Hofstaat an den Tischen inne, sondern in symbolischer Form auch über das ganze Schloß und das umgebende Territorium. [8] Der bevorzuge Ort der neuartigen visuellen Aneignung, der Standerker am nördlichen Kopfende der Hofstube, also in unmittelbarer Nähe des Fürstentisches, war durch Maßwerkfenster und ein kunstvolleres Gewölbe vor seinen Pendants ausgezeichnet. [9] Trotz später Beschädigung und Ergänzung sind an den Anfängern seines weitgehend und relativ frei erneuerten Sterngewölbes noch die Reste von den Rippen aufgelegten Ästen und daraus entwachsenden Rosen, Weinblättern und anderen Pflanzen sowie der Rumpf eines Vogels (auf der Südwestecke) zu erkennen (Abb. 4). Dieses architektonische Schaustück war zu seiner Zeit so renommiert, daß es 1534 Eingang in die erwähnte Festbeschreibung von Peter Harer, dem Sekretär und Rat Ludwigs V., fand: „Eß waren wol drey furstentisch: / Am ersten, der verordent ist / Gewest in dem erckher oben, / Welcher vonn kunst billich zu loben / Ich glaub, der tempell auff montsaluat , / Den Titurell erbawet hat, / Mocht dißem werckh geleichen nicht: / Gethierts, laubwerckh, und ein bild [nach Seeliger-Zeiss: eine menschliche Figur], ma sicht, / Gantz artlich und reyn ergraben, / Viel possament werklich erhaben, / Das Gewelb zierlich gehymmelt, / Von farben schon außgeplummelt. / Eß ist an dem kein vleis gespart“. [10]

Abb 4 Gewölbeanfänger im Norderker des Frauenzimmerbaus, Nordostecke (Lorenz Lechler um 1515) Foto Hoppe 2001

Der Architekt des Frauenzimmerbaus war Lorenz Lechler (geb. um 1460), der ab 1503 als kurfürstlicher Baumeister und Büchsenmeister faßbar ist.[11] Er hatte möglicherweise zuvor einige Jahre an der Dombauhütte in Mailand verbracht und verfaßte 1516 ein Traktat zur Steinmetzkunst.[12] Der Hofbaumeister Lorenz Lechler hat sich mit dem Hofstubenbau an Mustern orientiert, wie sie damals höchsten Adelskreisen, ja sogar königlichem Umfeld, und in den sich etablierenden Humanistenkreisen zu beobachten waren. Im speziellen Fall vermutet Anneliese Seliger-Zeis, daß die Anlage des Heidelberger Frauenzimmerbaus durch die Prager Schloßarchitektur König Wladislaws beeinflußt worden sein könnte, die Kurfürst Ludwig V. im Jahre 1509 bei einem Besuch dort kennengelernt haben wird.[13] Dort hatte der königliche Baumeister Benedikt Ried ab etwa 1492 nicht nur einen enormen Saal mit Ausblicken über die Stadt errichtet.[14] Dort könnte auch das als naturalistische Astwerk figurierte Gewölbe des benachbarten königlichen Oratoriums im Prager Dom (1490) die Anregung für die Inbezugsetzung gotischer Gewölbefigurationen mit Naturformen, wie sie der Prunkerker Lechlers am Kopfende der Hofstube zeigt, abgegeben haben, auch wenn es sich in Prag nicht um das einzige ältere Beispiel handelt.[15] Kürzlich haben Paul Crossley und Hubertus Günther solche Parallelisierung von Naturformen und Architekturgliedern mit zeitgenössischer humanistischer Spekulationen um die vorgeschichtliche Entstehung der Architektur in Verbindung gebracht, die auch im Rheinland ihre Vertreter besessen haben dürfte.[16]

Eine humanistische Fundierung kann man auch für das Thema des mehrseitig inszenierten Überschaublickes zumindest vermuten. Die dreiseitige, aufgliedernde Blickführung aus den Heidelberger Erkern entspricht in frappanter Weise einer einschlägigen, auf die Villa Laurentinum bezogenen Stelle in den Villenbriefen des jüngeren Plinius: „Gegenüber der Mitte ein freundliches cavaedium, dann ein recht schönes triclinium [Speisezimmer], das an den Strand vorspringt und, wenn das Meer durch den Scirocco bewegt ist, von den schon gebrochenen, letzten Wellenausläufern leicht umspült wird. Ringsum hat es Flügeltüren oder Fenster, die nicht kleiner als Flügeltüren sind und blickt so an den Seiten und an der Front gleichsam auf drei Meere ...“ [17] Noch ist aber zu wenig über den konkreten Zusammenhang zwischen dem am Heidelberger Hof bereits seit dem 15. Jahrhundert gepflegten literarischen Humanismus und der höfischen Architektur bekannt, als das hier sichere Herleitungen geboten werden könnten. Um allerdings die in Heidelberg manifeste Innovation angemessen würdigen zu können, muß man sich vor Augen halten, daß ältere profane Erker im deutschen Burgen- oder Schloßbau so gut wie nicht nachweisbar sind. Es handelt sich also hier also entgegen der vielleicht geläufigen Meinung keineswegs um ein traditionelles Architekturmotiv, sondern um eine programmatische Neuerung des 16. Jahrhunderts, deren „experimenteller“ Charakter am Heidelberger Schloß durch die später in der Regel nicht wiederholte Anbringung an einer Hofstube und die später auch weniger geläufige Ausführung als Standerker zum Ausdruck kommt. [18]

Ein Hindernis für die kunstgeschichtliche Forschung, die besondere architekturgeschichtliche Stellung des sogenannten Frauenzimmerbaus zu würdigen, war seine traditionelle Spätdatierung kurz vor einer angeblichen Einweihung anläßlich der Fürstenhochzeit von 1534.[19] Anneliese Seeliger-Zeiss hat jedoch überzeugend dargelegt, daß der Baukörper in vollendetem Zustand bereits 1527 auf der älteren Darstellung des Heidelberger Schlosses von Sebastian Münster erscheint. Sie geht deshalb und aus anderen sachlichen Gründen von seiner Erbauung im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts aus[20]; dies wird durch die im folgenden begründete Datierung des benachbarten Bibliotheksbaus in die Jahre um 1520 noch gestützt, da dieser dem Frauenzimmerbau relativchronologisch eindeutig nachfolgt.

 

Die Etablierung der kurfürstlichen Herrentafelstube im sogenannten Bibliotheksbau um 1520

 

In enger architektonischer wie auch funktionaler Verbindung mit dem Frauenzimmerbau ist wenig später auf der Westseite des Schloßberings der sogenannte Bibliotheksbau hinzugefügt worden. Es handelt sich um einen viergeschossigen, ehemals durchgängig gewölbten Baukörper, der in auffälliger Weise (fast wie einer der allerdings geringer dimensionierten Standerker des Nachbarbaus) mit drei Außenfassaden aus der Flucht der übrigen Bebauung in den ehemaligen Zwinger hervorragt. Im ersten Obergeschoß wurde ehemals fast die gesamte Grundfläche von einen auf drei Seiten befensterten, saalartigen Raum eingenommen, den ein vierjochiges Sterngewölbe auf einem Mittelpfeiler auszeichnete (Abb. 5 und 6). Das zweite Obergeschoß, dessen ursprüngliche innere Einteilung nicht mehr vollständig zu rekonstruieren ist, besitzt auf der Hoffassade einen (wohl profanen) polygonalen Erker. Durch die Sprengungen des 17. Jahrhundert kann man heute besonders gut in die verbliebenen Reste der beiden oberen Geschosse vom westlichen Wall aus hineinsehen.

Abb 5 Ruine der Herrentafelstube im sog. Bibliotheksbau, Blick nach Nordwesten (Lorenz Lechler um 1520). Rechts die Reste der für diesen Raumtypus konstitutiven Ofenanlage. Foto Hoppe 2001

Bei diesem Bau ist der traditionelle (erstmals im 17. Jahrhundert auftauchende) Name besonders irreführend, da eine primäre Nutzung des Gebäudes zur Unterbringung einer kurfürstlichen Bibliothek weder belegt noch wahrscheinlich ist. Durch den Strukturvergleich mit anderen deutschen Schloßbauten dieser Zeit wird vielmehr deutlich, daß es sich bei dem sterngewölbten Raum im ersten Obergeschoß um eine sogenannte Tafelstube für die kurfürstliche Herrentafel gehandelt haben muß. Dieser Raumtyp etablierte sich im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts an deutschen Höfen, als die Fürsten und ihr engstes Gefolge nicht mehr täglich die allgemeine Hofstube aufsuchten, sondern sich immer häufiger in eine separate, in der Regel in den Obergeschossen situierte Tafelstube zurückzogen. [21] Der Heidelberger „Bibliotheksbau“ ist also in wesentlichen Zügen ein funktionelles Derivat der benachbarten Hofstube; die Bauabfolge spiegelt eine einschneidende Veränderung im Hofzeremoniell wieder, mit dem der sich Heidelberger Kurfürst Gepflogenheiten im europäischen Hochadel anpaßte. Dazu gehört auch der heute nur noch in Resten wahrnehmbare Altan vor dem ersten Obergeschoß auf der Hofseite, der  vermutlich der Erscheinung des Kurfürsten und anderer wichtiger Personen zu bestimmten Gelegenheiten diente, wie sie besonders am französischen Königshof zeremoniell inszeniert wurde. Wenig später finden sich sehr ähnliche gangartige Altane z.B. vor den Tafelstuben der kurfürstlichen Schlösser in Torgau (1533) und Berlin (1538) oder dem fürstlichen Schloß  in Bernburg (1538).

Es ist deshalb kein Zufall, daß der neue Heidelberger Tafelstubenbau eine der benachbarten Hofstube vergleichbare Figur in der Blickinszenierung realisiert. Nach neueren Baubeobachtungen ist nämlich auch dieser Baukörper älter als die neue Westbefestigung, von der er sich deutlich in der Mauertechnik unterscheidet, und die ihm heute die ehemals konstitutive Aussicht über das Neckartal und die Stadt nimmt. [22] Ursprünglich beherrschte er einen mehransichtigen Blickfächer über Stadt und Neckartal. Das spätest mögliche Datum (terminus ante quem) für die Errichtung des „Bibliotheksbaus“ fällt deshalb in die Mitte der 1520er Jahre, bevor die Befestigungsanlage auf der Westseite errichtet wurde. Vermutlich wurde er, wenn man eine gewisse Zeit bis zur Neukonzeption dieses Schloßbereiches zugesteht, bereits um 1520 aufgeführt und bildet damit das älteste zur Zeit bekannte Beispiel des Raumtyps einer Herrentafelstube im mitteleuropäischen Schloßbau; zugleich liegt damit ein weiteres Indiz vor, welch exklusiven Rang die Pfälzer Kurfürsten auch in der Gestalt ihrer Residenzarchitektur zum Maßstab erhoben. Bereits 1530/34 übernahm ein Verwandter des Kurfürsten, Pfalzgraf Ottheinrich, das Konzept der belvedereartig inszenierten Herrentafelstube in seinem Residenzschloß in Neuburg an der Donau, wo dieser Raumtyp als sogenannter „Rittersaal“ heute noch mit seiner ursprünglichen Blickregie erlebbar ist. [23]

Kurfürst Ludwig V. ließ auf dem Heidelberger Schloß außerdem einen dritten Belvederebau errichten. Auf den relativ niedrigen nordöstlichen Artillerieturm aus der Zeit um 1490 (der spätere Glockenturm) wurde nachträglich ein ein- oder zweigeschossiger (die Baubeobachtungen sind hier zur Zeit noch nicht ganz klar) ziviler Baukörper aufgesetzt, der heute nur noch in umgebauter Form im unteren Abschnitt des Turmes enthalten ist (Abb. 7). Seine Fenster gewährten nicht nur den prestigeträchtigen mehrseitigen Ausblick über das Neckartal, wie am Frauenzimmerbau wurde auch hier darüber hinaus mit einem polygonalen (vierseitigen) erkerartigen Vorbau das Prinzip des Blickfächers rekursiv auf einer sekundären architektonischen Ebene wiederholt. Ein aufwendiges Gewölbe zeichnete den Hauptraum ehemals aus; über seine genaue Funktion ist jedoch hier leider nichts bekannt. Auch wenn z. Z. die genaue Zeitstellung dieses Belevedereturms nicht zu ermitteln ist, muß er doch bereits 1527 vorhanden gewesen sein, da in diesem Jahr Pfalzgraf Ottheinrich in Neuburg an der Donau mit der Runden Stube über der Donau einen vergleichbar situierten, allerdings architektonisch einfacher gestalteten Belevedereraum errichten ließ, den er mit einer Portraitsammlung ausstattete.

Abb 7 Aufsatz des Glockenturms, Rekonstruktion nach Koch/Seitz (Lorenz Lechler um 1520)

Unter Kurfürst Ludwig V. erhielt das Heidelberger Schloß weitere Zivilbauten, u.a. den sogenannten Ludwigsbau auf der Ostseite, der inschriftlich die Jahreszahl 1524 trägt, und die Aufstockung des Ruprechtsbaus und seiner Erweiterung, wo an der damals auf der Westseite angebauten Wendeltreppe die Jahreszahl 1534 überliefert ist. Von besonderem Interesse ist darüber hinaus die bislang undatierte, jedoch anhand der Formen Lorenz Lechler zuzuschreibende Brunnenhalle nordöstlich des Torturmes, deren Gewölbe auf Granitsäulenschäften ruht (Abb. 8). Nach dem Zeugnis des Humanisten Sebastian Münster waren die Säulen unter dem Amtsvorgänger Ludwigs V. als antike Spolien aus der Pfalz Karls des Großen zu Ingelheim herbeigeschafft worden. Zu den Erweiterungen gehören auch die Wirtschaftbauten auf der Südseite des Schloßhofes und der ältere Teil der Küchenanlage auf der Westseite. Leider ist der Küchenbau z.Z. nicht zugänglich. Hier ließe sich in heute seltener Anschaulichkeit erleben, wie die im 16. Jahrhundert sich allgemein in Europa herausbildende Steigerung der Pracht und des zeremoniellen Lebens an den großen Höfen auch in der stetigen baulichen Erweiterung der Küchenanlagen niederschlug.

Abb 8 Brunnenhalle (Lorenz Lechler)

 

Der Ausbau der Artilleriebefestigung ab etwa 1526

 

Bei aller Entfaltung der zivilen Architektur des Heidelberger Schlosses wurde damals jedoch nicht beabsichtigt, die traditionelle Verteidigungsfähigkeit der Residenz aufzuheben. Die Wehrhaftigkeit eines Schlosses war in Mitteleuropa noch auf längere Zeit nicht nur eine praktische Notwendigkeit, sondern auch ein kaum verzichtbares Symbol souveräner Herrschaft.[24] Nachdem bereits um die Jahrhundertwende in einer ersten Bauphase die Ostseite des Schlosses durch moderne Artilleriestellungen armiert worden war (vgl. den Beitrag von Benner und Wendt), wurde ab den 1520er Jahren die Süd- und Westseite ausgebaut.[25] Den aktuellen Anlaß dazu gab vermutlich die Sickingsche Fehde 1523, als der massive Einsatz von Geschützen vor der Burg Nannstein die Unzulänglichkeit der älteren Befestigungen offenbart hatte. Auf der oben erwähnten Darstellung des Heidelberger Schlosses von Sebastian Münster von 1526/27 ist das Nordwestrondell, der Dicke Turm, bereits im Bau dargestellt und die ältesten der zahlreichen inschriftlichen Jahreszahlen an den Wehrbauten weisen in das Jahr 1528 (an der Südwestecke des Stückgartens).[26] Die Arbeiten haben sich vermutlich bis zur Mitte des Jahrhunderts hingezogen und wurden später durch weitere Verteidigungswerke ergänzt.

Mit der Errichtung der Süd- und Westbefestigung tritt nicht nur eine größer und aufwendiger ausgelegte Konzeption der Artillerieverteidigung auf, die in den 1520er Jahren den (sich allerdings schnell wandelnden) höchsten internationalen Standards entsprach, [27] sondern deutlich auch eine neue Architektursprache. Während die älteren Zivilbauten sich durch eher filigrane Formen wie kleinteilige Gewölbe oder reiche Fensterrahmen auszeichneten und eine verputze Wandoberfläche besaßen, und die älteren Wehrbauten sich weitgehend auf ihren Zweck reduzierten, schient bei den jüngeren Wehrbauten die architektonische Formensprache bewußt ihre Aufgabe und Funktion zu reflektieren. Durchgängig handelt es sich nun um steinsichtige Mauerschalen aus beträchtlichen, sehr sorgfältig zugehauenen Sandsteinquadern. Allein dies muß immense Kosten verursacht haben und sollte wohl jedermann bei Anblick des Schlosses offenbar werden. „Das ist ein tieffer weitter grab [Graben] / Mit ghawen qwadern grad hinab, / Allerseits kunstlich glad besetzt, / Das eym sein gsicht lieplich ergetzt“ heißt es 1534 in der bereits erwähnten Festbeschreibung von Peter Harer. [28] Darüber hinaus zeigen die Architekturdetails, besonders deutlich erkennbar an dem neuen Torturm im Süden, bei aller Präzision der Bearbeitung über weite Strecken eine gewollte Vereinfachung der Formen, die den heutigen Betrachter an romanische Architektur des 11. oder 12. Jahrhundert erinnert. Weitgehend verschwunden sind die kunstvollen Profile, die die ältere Zivilarchitektur auszeichnen; Elementarformen wie Rundbogen (Abb. 9), bandartige Rippen und glatte, wie in die Mauermasse eingeschnitten wirkende Profile geben der Architektur eine eher ernste und kraftbetonende Anmutung.

Abb 9 Wappentafel an der Außenfassade des Torturms (um 1540). Foto Hoppe 2001

Es ist ein Merkmal der sich damals entwickelnden neuzeitlichen Architekturtheorie, daß sie nach dem Muster der antiken rhetorischen Stillagen (Modi) unterschiedliche Stile für verschiedene Bauaufgaben propagierte und ähnliche Gedanken könnten die Stilwahl der neuen Heidelberger Verteidigungsbauten beeinflußt haben. Allerdings erscheint es trotzdem als kaum wahrscheinlich, daß für den Entwurf dieser Bauten derselbe Baumeister verantwortlich gewesen ist, von dem Frauenzimmerbau, Glockenturmaufsatz, Brunnenhalle und Bibliotheksbau stammen. Es bleibt vorerst Hypothese; es ist aber anzunehmen, daß entweder der ältere Hofbaumeister Lorenz Lechler, der damals bereits in relativ hohem Alter gestanden haben muß, um 1525 verstorben war, oder aber den Entwurf der Verteidigungsanlagen einer anderen Persönlichkeit überlassen hat. [29]

Die vorangegangene Übersicht verdeutlicht, daß in den dreieinhalb Jahrzehnten der Herrschaft Ludwigs V. das Heidelberger Schloß ein fast völlig erneuertes Erscheinungsbild erhalten hat. Von den älteren Bauteilen standen außer der um 1490/1500 errichteten Ostbefestigung und dem wie eine Reliquie neugefaßten Ruprechtsbau im wesentlichen nur noch die Bauten auf der Nordseite des Schloßhofes: die Schloßkapelle im Westteil und der aus dem 13. Jahrhundert stammende Palas im Ostteil. Es dürfte kein Zufall sein, daß es sich dabei um Altbauten handelte, die in Ergänzung des allseits sichtbaren Willens und der Fähigkeit zur Innovation die Pietät des Kurhauses und seine weit zurückreichende Geschichte besonders authentisch vor Augen führen konnten.

 

Die Erneuerung des alten Palas als „Gläserner Saalbau“ ab 1546

 

Ein Teil dieser Tradition wurde schon bald, in den ersten Regierungsjahren des folgenden Kurfürsten, Friedrichs II., durch einen Neubau ersetzt, der zugleich aber den historischen Horizont noch erheblich weiter zu spannten vermochte. Vermutlich im Jahre 1546 wurde der romanische Palas, über dessen damalige, eventuell durch spätmittelalterliche Umbauten bereits veränderte Erscheinung nichts bekannt ist, weitgehend abgetragen und ein überaus anspruchsvoller neuer Saalbau errichtet (Abb. 10 und 11). [30] Die 1550 erstmals gedruckte große Ansicht des Schlosses von Sebastian Münster zeigt dort eine Lücke, [31] entspricht also genau dem Zeitpunkt zwischen Niederlegung des älteren Baus und dem Emporwachsen des Neubaus. Nach dem im obersten Geschoß gelegenen, stuckierten und mit venezianischem Spiegelglas geschmückten Hauptsaal wurde dieser Bau „Gläserner Saalbau“ genannt. Da jedoch seine gesamte ursprüngliche Innenraumstruktur seit dem 17. Jahrhundert sukzessive verlorengegangen ist, ist dieser Bau heute vor allem aufgrund seiner Arkadenstellung auf der westlichen Hälfte der Hofseite bekannt. Dort erhebt sich zwischen einen Vorbau auf rechteckigem Grundriß und einem Wendeltreppenturm eine dreigeschossige steinerne Arkartur, die funktional den kleinen Erscheinungsbalkon des Herrentafelstubenbaus (Bibliotheksbaus) von 1520 in einen monumentalen Maßstab überträgt.

Abb 10 Hoffassade des Gläsernen Saalbaus (ab 1546). Foto Hoppe 2001

Formal aufgefaßt scheint die Architektur eigentümlich zwischen dem Stil der Antikenrezeption der italienischen Renaissance und einer einheimischen frühen Romanik zu changieren. Neuere Studien können jedoch wahrscheinlich machen, daß sich die Anmutung romanischer Architektursprache hier (wie bereits auch bei dem Torturm aus den 1530er Jahren) als Resultat humanistisch-gelehrter Reflexion verstehen läßt. Bereits seit dem frühen 15. Jahrhundert läßt sich im nordalpinen Europa ein spezielles Interesse an der Formensprache der Architektur der einheimischen Romanik belegen, das sich zunächst vor allem im Medium der Malerei manifestierte. [32] Es dürfte sich dabei in vielen Fällen nicht um einen inhaltlichen Bezug auf die Zeit der Romanik gehandelt haben, sondern um frühe Versuche einer Wiedergewinnung der antiken Architektursprache. In den Jahren um 1500 begann dieser vermutlich zunächst auf kleine, gelehrte Zirkel beschränkte Diskurs auch Folgen für Projekte der gebauten Architektur zu zeitigen. Neben verschiedenen Sakralbauten, unter den die bekanntesten der Westturm der Kilianskirche in Heilbronn (1513) und die Kirche Saint-Eustache (1532) in Paris darstellen, lassen sich entsprechende Bauprojekte an einigen besonders dezidiert humanistisch ausgerichteten Höfen beobachten, so z.B. an jenem Kardinal Albrechts von Brandenburg in Halle (um 1530), Herzog Ottheinrichs von der Pfalz in Neuburg (1537) und eben am kurpfälzischen Hof in Heidelberg. [33] Die Formensprache der Arkadenstellung des Gläsernen Saalbaus kann deshalb nicht als unreflektiertes Produkt eines uninformierten Baumeisters verstanden werden, sondern, wie vermutlich auch die romanisierende Sprache des Torturmes, als Manifestation eines architekturtheoretischen Diskurses der beginnenden nordalpinen Renaissance. In diesem Sinne ist mit dem neuen Palasbau auf den alten Fundamenten nicht nur einen allgemeine Vorstellung antiker Herrscherpracht realisiert worden, sondern auch Überlegungen zu einer vermeintlichen nordalpinen, regionalen Variante der antiken Architektur. Als sich um die Mitte des 16. Jahrhundert mit den nun auch im Norden geläufigen Architekturtraktaten eines Sebastiano Serlio oder Walter Ryff eine präzisere Sicht auf die antiken Architektur etablierte, verschwand diese Version des Renaissancestils weitgehend.

Abb 11 Kapitel der Erdgeschoßarkade des Gläsernen Saalbaus (um 1546). Foto Hoppe 2001

 

Die Bauten auf dem Heidelberger Schloß der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigen die auf verschiedene Weise realisierte Absicht, entsprechend dem politisch-sozialen Rang der Pfälzer Kurfürsten ein herausragendes Niveau herrscherlicher Architektur vor Augen zu führen. Die Mittel zur Realisierung dieses Anspruchs reichen dabei von der eher traditionellen Zurschaustellung eines außerordentlichen finanziellen Aufwandes, wie er beispielsweise für die neuen Befestigungsanlagen notwendig war, bis zur subtilen Rezeption neuster theoretischer Überlegungen zur Reform der Architektur nach antiken Mustern. Das dabei tatsächlich erworbene Prestige kommt heute besonders deutlich zum Ausdruck in den zahlreichen, sich auf die Heidelberger Herrschaftsarchitektur beziehenden Rezeptionsvorgängen, die in dem vorliegenden Text jedoch leider nicht in aller Breite ausgeführt werden konnten.



[1]                 Allgemein: Hitchcock, Henry-Russell: German Renaissance Architecture. Princeton, New Yersey 1981. Smith, Jeffrey Chipps: German Sculpture of the Later Renaissance 1520 - 1580. Art in an Age of Uncertainty. Princeton, New Jersey 1994. Schunicht-Rawe, Anne; Lüpkes, Vera (Hrsg.): Handbuch der Renaissance. Deutschland, Niederlande, Belgien, Österreich. Köln 2002.

[2]               Rosenberg, Marc: Quellen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses. Heidelberg 1882. Koch, Julius; Seitz, Fritz: Das Heidelberger Schloß. Darmstadt 1891. Koch, Julius; Seitz, Fritz: Zur Baugeschichte des Heidelberger Schlosses. In: Mitteilungen zur Geschichte des Heidelberger Schlosses 3 (1896), S. 150 - 168. Zeller, Adolf: Das Heidelberger Schloß. Werden, Zerfall und Zukunft. Karlsruhe 1905. Oechelhäuser, Adolf von: Das Heidelberger Schloß. 8. Auflage, besorgt von Joachim Göricke. Heidelberg 1986. Seeliger-Zeiss, Anneliese: Lorenz Lechler von Heidelberg und sein Umkreis: Studien zur Geschichte der spätgotischen Zierarchitektur und Skulptur in der Kurpfalz und in Schwaben. Heidelberg 1967, hier S. 144 – 157 zur Bauphase unter Ludwig V. Schütte, Ulrich: Das Schloß als Wehranlage. Befestigte Schloßbauten der frühen Neuzeit. Darmstadt 1994, hier S. 89 ff. Gensichen, Sigrid: Das Heidelberger Schloß. Fürstliche Repräsentation  in Architektur und Ausstattung. In: Mittler, Elmar (Hrsg.): Heidelberg  - Buch einer Stadt. Heidelberg 1996.

[3]                 Oechelhäuser 1986, S. 11. Diese Ausgabe entspricht weitgehend der 7. von 1955, gibt also nicht mehr in allen Punkten die Ansichten der jüngsten Zeit wieder. Rosenberg hat „alle Ungeheuerlichkeiten in seinen Bauten“ aus dem persönlichen Dilettieren des Kurfürsten Ludwig V. in der Architektur zu erklären versucht (Rosenberg 1884, S. 81).

[4]              Einige der folgenden Gedanken konnte der Autor im Rahmen einer privaten Arbeitsgruppe zum Heidelberger Schloß zur Diskussion stellen und durch wertvolle Anregungen ergänzen. Im besonderen soll hier Sigrid Gensichen, Hubertus Günther, Hanns Hubach, Fritz Grosse, Achim Wendt, Manfred Benner und Matthias Untermann, aber auch den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sitzungen gedankt werden.

[5]              Vgl. Patze, Hans; Paravicini, Werner (Hrsg.): Fürstliche Residenzen im Spätmittelalterlichen Europa. Sigmaringen 1991; Müller, Matthias: Spätmittelalterliches Fürstentum im Spiegel der Architektur. Überlegungen zu den repräsentativen Aufgaben landesherrlicher Schloßbauten um 1500 im Alten Reich. In: Nolte, Cordula; Spieß, Karl-Heinz; Werlich, Ralf-Gunnar (Hrsg.): Principes. Dynastien und Höfe im späten Mittelalter. (= Residenzenforschung). Stuttgart 2002.

[6]              Zum Raumprogramm deutscher Residenzschlösser im 16. Jahrhundert: Hoppe, Stephan: Die funktionale und räumliche Struktur des frühen Schloßbaus in Mitteldeutschland. Untersucht an Beispielen landesherrlicher Bauten der Zeit zwischen 1470 und 1570. Köln 1996. Zur Gestalt des funktionalen Raumtyps der Hofstube im deutschen Schloßbau dort S. 413 ff.

[7]              Peter Harer: Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. Germ. 337); Teilabdruck des Textes bei: Rosenberg 1882, S. 92 ff. Wiedergaben von Hofordnungen finden sich bei: Kern, Arthur (Hrsg.): Deutsche Hofordnungen des 16. und 17. Jahrhunderts. (= Denkmäler der deutschen Kulturgeschichte, II. Abt.). 2 Bde. Berlin 1905/07.

[8]                 Beobachtungen zur Genese dieses Typs der herrschaftlichen Blickführung im deutschen Schloßbau: Stephan: Wie wird die Burg zum Schloss? Architektonische Innovation um 1470. In: Laß, Heiko (Hrsg.): Von der Burg zum Schloß. Landesherrlicher und adeliger Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert. Bucha bei Jena 2001, S. 95 - 116. Zur humanistischen Fundierung des Ausblicks im Palast zu Pienza: Tönnesmann, Andreas: Pienza. Städtebau und Humanismus. München 1990, S. 64 ff., zur Inszenierung des zivilen Ausblick im nordeuropäischen Schloßbau z.B.: Albrecht, Uwe: Von der Burg zum Schloß. Französische Schloßbaukunst im Spätmittelalter. Worms 1986, S. 53 und Prinz, Wolfram; Kecks, Ronald G.: Das französische Schloß der Renaissance. Form und Bedeutung der Architektur, ihre geschichtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen. 2. durchges. u. verb. Aufl. Berlin 1994, S. 58.

[9]              Siehe im Detail: Seeliger-Zeiss 1967, S. 146 ff.

[10]             Zitiert nach Rosenberg 1882, S. 97.

[11]                 Grundlegend: Seeliger-Zeiss 1967; sowie Seeliger-Zeiss, Anneliese: Studien zum Steinmetzbuch des Lorenz Lechler von 1516, ein bisher unbekannt gebliebenes Fragment im Besitz der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe. In: Architectura 12 (1982), S. 125 - 150.

[12]             Egidy, Anne: Lorenz Lechler. In: Günther, Hubertus (Hrsg.): Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance. 2. Aufl. Darmstadt 1988, S. 49 - 57.  Shelby, Lon R.; Mark, Robert: Late Gothic structural design in 'instructions' of Lorenz Lechler. In: Courtenay, Lynn T. (Hrsg.): The engineering of medieval cathedrals. Aldershot u.a. 1997, S. 87 - 105.

[13]             Seeliger-Zeiss 1967, S. 150.

[14]             Fehr, Götz: Benedikt Ried. Ein deutscher Baumeister zwischen Gotik und Renaissance in Böhmen. München 1961.

[15]             Zur Entwicklung des Astwerks im Rheinland in den 1480er Jahren siehe: Hubach, Hanns: Überlegungen zum Meister des Lorcher Hochaltarretabels. In: Nassauische Annalen 104 (1993), S. 29 - 51.

[16]                 Crossley, Paul: The Return to the Forest. Natural Architecture and the German Past in the Age of Dürer: Gaehtgens, Thomas W. (Hrsg.): Künstlerischer Austausch. Artistic Exchange. Akten des XXVIII. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte Berlin, 15. – 20. Juli 1992, Bd. II, Berlin 1993, S. 71 – 80. Günther, Hubertus: Das Astwerk und die Theorie der Renaissance von der Entstehung der Architektur. In: Heck, Michèle-Caroline; Lemerle, Fréderique; Pauwels, Yves (Hrsg.): Théorie des arts et création artistique dans l´Europe du nord du XVIe au début du XVIIIe siècle. Tagungsband Lille 2000. Villeneuve d'Ascq (Nord) 2001, S. 13 – 32.

[17]             Plinius d. J. Briefe II, 17. Die Übersetzung zitiert nach Förtsch, Reinhard: Archäologischer Kommentar zu den Villenbriefen des jüngeren Plinius,. Mainz 1993. Dort zum Raumtyp des Tricliniums S. 100 ff.; zu Blickinszenierungen S. 24 f.

[18]             Es scheint vor 1500 für den profanen Erker im heutigen Sinn sogar ein einschlägiger Begriff gefehlt zu haben: „Sicher erscheint, dass bis in diese Zeit [15. Jh.] der ´Erker´ nicht als Erker bekannt war. Für dieses Baumotiv dürfte wohl ein anderer Ausdruck geläufig gewesen sein.“ (Béatrice Keller: Der Erker. Studie zum mittelalterlichen Begriff nach literarischen, bildlichen und architektonischen Quellen. Bern, Frankfurt a. M., Las Vegas 1981, S. 117).

[19]             Vgl. Oechelhäuser 1986, S. 43.

[20]             Seeliger-Zeiss 1967, S. 151 f. – Dieser korrigierenden Datierung hat sich Sigrid Gensichen angeschlossen (Gensichen 1996).

[21]             Zu Gestalt und Funktion dieses Raumtyps: Hoppe 1996, S. 420 ff. Dort allerdings noch ohne Kenntnis des Heidelberger Beispiels, das der genannten Tafelstube im kurfürstlichen Schloß zu Torgau von 1533 zeitlich vorangeht. Ein besonders Kennzeichen der Tafelstube als Raumtypus ist ihre Konzeption als mittelgroßer, ofenbeheizter Einzelraum in einem Obergeschoß; im Gegensatz zu den mehrräumigen Appartements im deutschen Schloßbau. Separate Tafelstuben für weibliche Angehörige des Hofstaats lassen sich im deutschen Schloßbau bereits im späten 15. Jahrhundert nachweisen; in der Regel im zweiten Obergeschoß im Zusammenhang mit dem Frauenzimmer (Frauenwohnbereich). Vgl. Hoppe, Stephan: Bauliche Gestalt und Lage von Frauenwohnräumen in deutschen Residenzschlössern des späten 15. und des 16. Jahrhunderts. In: Hirschbiegel, Jan; Paravicini, Werner (Hrsg.): Das Frauenzimmer. Die Frau bei Hofe in Spätmittelalter und früher Neuzeit (= Residenzenforschung 11). Stuttgart 2000, S. 151 – 174.

[22]             Anders bei Seeliger-Zeiss 1967, S. 154 und Schütte 1994, S. 96 f. Beiden Autoren ist jedoch die ursprüngliche Funktion des Bibliotheksbaus und das Konzept seiner Blickregie noch nicht bekannt. Außerdem schließt die Quadermauer der inneren Westbefestigung (auf der Linie des mittelalterlichen Zwingers) sekundär an die aus Bruchsteinmauerwerk gefügte Substruktion des Frauenzimmerbaus an und zeigt eine etwas andere Ausrichtung.

[23]             Hoppe, Stephan: Der Schloßbau Ottheinrichs von der Pfalz in Neuburg an der Donau. Überlegungen zu Beziehungen zur kurpfälzischen Hofarchitektur der 1520er Jahre. In: Lieb, Stefanie (Hrsg.): Form und Stil. Festschrift für Günther Binding zum 65. Geburtstag. Darmstadt 2001, S. 202 - 212.

[24]                 Grundlegend zu dem Thema: Schütte 1994. Einen Überblick über Befestigungsweisen in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts bietet auch: Neumann. Hartwig: Festungsbaukunst und Festungsbautechnik. Deutsche Wehrarchitektur vom XV. bis XX. Jahrhundert. Koblenz 1988.

[25]             Aus dieser Bauphase stammt auch das nicht näher datierbare „Zeughaus“ an der Nordostecke des Berings.

[26]             Die Jahreszahlen und ihre Orte bei Rosenberg 1884, S. 240 f. Die Inschrift 1530 kommt besonders häufig an den Bauten der Westbefestigung vor.

[27]             Man vergleiche den Ausbau der württembergischen Bergfestungen oder die Armierung der Hardenburg in der Pfalz. Für die alternative Manier der Erdwälle ohne Mauerverkleidung, die damals aufkam, fehlten in Heidelberg die geomorphologischen Voraussetzungen.

[28]             Zitiert nach Rosenberg 1884, S. 94.

[29]             Seeliger-Zeiss 1967, S. 154 vermutet Lorenz Lechler noch als Oberbaumeister der neuen Befestigungswerke.

[30]             Die Datierung des Beginns der Baumaßnahme ist nicht ganz gesichert. Da jedoch der ehemals im Saal des Neubaus angebrachte Renaissancekamin die Jahreszahl 1546 trägt, dürfte der Beginn vor der traditionell genannten Jahresangabe 1547 liegen. Die große Heidelberg-Ansicht in Sebastian Münsters Kosmographie von 1550 bzw. 1552 zeigt die Baulücke nach Niederlegung des romanischen Palas (vgl. Rosenberg, 1882, S. 125 ff.)

[31]             Ein ausführliche Besprechung der Ansicht bei Rosenberg 1884, S. 125 ff. und Tafel I. Er plaziert – allerdings zugegebenermaßen recht frei - das „Haus an Stelle des Neuen Hofes“ (Gläserner Saalbau) zu weit nördlich, so daß es einen gerade abgetragenen romanischen Palas ausschließen würde. In Wirklichkeit handelt es sich bei dem Haus um ein Fachwerkgebäude im Bereich des späteren Ottheinrichsbaus.

[32]             Körte, Werner: Die Wiederaufnahme romanischer Bauformen in der niederländischen und deutschen Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts. Diss. Leipzig. Wolfenbüttel 1930. Schmidt, Michael: Reverentia und Magnificentia. Historizität in der Architektur Süddeutschlands, Österreichs und Böhmens vom 14. bis 17. Jahrhundert. Augsburg 1999. Graf, Klaus: Retrospektive Tendenzen in der bildenden Kunst vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Kritische Überlegungen aus der Perspektive des Historikers. In: Löther, A. u. a. (Hrsg.): Mundus in imagine. Festgabe für Klaus Schreiner. München 1996, S. 389 - 420.

[33]             Hoppe, Stephan: Romanik als Antike und die baulichen Folgen. Mutmaßungen zu einem in Vergessenheit geratenen Diskurs. In: Nußbaum, Norbert; Euskirchen, Claudia, Hoppe, Stephan (Hrsg.): Wege zur Renaissance. Beobachtungen zu den Anfängen neuzeitlicher Kunstauffassung im Rheinland und den Nachbargebieten um 1500. Köln 2003, S. 88 - 131. Vgl.: Sankovitch, Anne-Marie: A Reconsideration of French Renaissance Church Architekture. In: Guillaume, Jean (Hrsg.): L´église dans l´architecture de la renaissance. Actes du colloque tenu á Tours 1990. Paris 1995, S. 161 - 180.